Sonntag, 17. Mai 2015

REZENSION: "Die 5. Welle" (Rick Yancey)

Copyright Goldmann Verlag

Titel: Die 5. Welle

Autor: Rick Yancey

Genre: Roman / Dystopie / Science-Fiction

Verlag: Goldmann Verlag

Erscheinungsjahr: 2014

Format: Gebundene Ausgabe (16,99 €)

Seiten: 481

ISBN: 978-3-442-31334-1


Inhalt:

Schon seit Jahren haben die Anderen die Menschen beobachtet, sie studiert - und haben einen Plan entwickelt, wie sie sie systematisch vernichten können. Jede Phase der Zerstörung lässt nichts als Angst und Ungewissheit zurück: darüber, was die nächste Welle bringen wird. Vier Wellen hat Cassie überlebt, während ihre Eltern zu Opfern der Seuche und der Silencer wurden. Als auch noch ihr kleiner Bruder Sam in ein Camp verschleppt wird, tut sie alles in ihrer Macht stehende, um ihn wiederzufinden. Ihre Suche ist gleichzeitig eine Flucht. Eine Flucht vor dem Silencer, der an ihren Versen hängt. Nachdem sie angeschossen wurde, wird sie vom mysteriösen Evan Walker aufgelesen und gerettet. Bei ihm fühlt sie sich zum ersten Mal seit langem sicher. Aber ist er wirklich der, für den er sich ausgibt?

Rezension:

Theoretisch könnte man eigentlich davon ausgehen, dass Dystopien allmählich ihren Reiz für mich verlieren, aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Auch wenn der Aufbau immer dem selben Prinzip folgt, sind die Entwürfe an sich niemals identisch miteinander. Natürlich bleibt es nicht aus, dass man Vergleiche anstellt und nach Ähnlichkeiten bzw. Unterschieden sucht. Auch Die 5. Welle weist Überschneidungen mit anderen Werken des Genres auf. Die Bereitschaft, sich für seine Geschwister aufzuopfern, erinnert an Die Tribute von Panem, die übernatürliche Spezies, die die Menschheit bedroht, an Seelen, die militärische Ausbildung der Jugendlichen an Divergent und das Umstrukturieren der Denk- weise an Ugly. Trotz dieser Vermischung ist Yanceys Dystopieauftakt etwas Eigenes und keine bloße Kopie der genannten Romane. Ich werte solche Ähnlichkeiten einfach als einen hohen Intertextualitätsgrad, der für postmoderne Texte prototypisch ist. Aber nun zur eigentlichen Story:
Der erste Teil des Buches setzt seinen Fokus auf den bisherigen Verlauf, die Wellen, die über die Menschheit bisher hereingebrochen sind und in deren Folge Cassie die Menschen aus ihrem Umfeld verloren hat. Man bekommt einen ersten Eindruck von ihrem Charakter, der mich persönlich angesprochen hat: zwar trauert sie um die verlorenen Menschen, aber gleichzeitig hat sie sich einen Hoffnungsschimmer und ihre Kämpfernatur bewahrt. Sie schildert die Dinge sehr sarkastisch und kommentiert sich auch teilweise selbst, wenn sie der Meinung ist, ihre eigenen Gedankengänge wären zu unrealistisch. Diese Erzählweise wird kontinuierlich - auch bei dem Perspektivenwechsel zwischen Ben, Sam, Evan und Cassie - beibehalten.    
Durch den Einschnitt, den die Wellen im Leben der Figuren hinterlassen haben, kapseln sie sich emotional von ihrer früheren (unbescholtenen) Persönlichkeit ab. Das wird vor allem dadurch deutlich, dass sie auf sich selbst mit unterschiedlichen Namen (entweder ihr Geburtsname oder ihr neuer Spitzname) referieren. Die inneren Monologe werden quasi zu Dialogen, wenn das "jetzige Ich" sich selbst aufgrund seiner Naivität oder dergleichen rügt. Okay, das klingt jetzt komplizierter, als es eigentlich ist. Also unkompliziert: die Jugendlichen sind immer hin und her gerissen zwischen ihrer pubertär übermütigen und der durch ihre Verluste reiferen Sicht auf die Dinge. 
Verwirrt war ich nur öfter deshalb, weil ich mich bei jedem Kapitel neu orientieren musste, welchem Handlungsstrang die Geschichte gerade folgt. Cassie und Ben geben das Geschehen aus der Ich-Perspektive wieder, während bei Sam und Evan ein Er-Erzähler die Schilderungen übernimmt. Ich gehe davon aus, dass dadurch eine Unterscheidung zwischen primären und sekundären Hauptfiguren gemacht werden soll. Eine andere Erklärung habe ich dafür zumindest nicht. 
Gut gefällt mir allerdings, dass man durch den Wechsel zwischen den Protagonisten im Grunde etwas über beide Positionen (die Guten/Opfer und die Bösen/Zerstörer) erfährt bzw. die "Graustufe" dazwischen. Die Handlung lebt quasi davon, dass die Grenzen des Öfteren verschwimmen bzw. man sich nie sicher sein kann, wem man trauen kann und wem nicht (das erinnert mich wiederum stark an Die Verratenen von Ursula Poznanski). Gerade Cassies Zweifel an Evan werden dadurch problematisch, weil er sie gerettet hat und sie sich auch körperlich und emotional zu ihm hingezogen fühlt. Einerseits will sie ihm vertrauen, andererseits spricht alles gegen ihn, womit das Dilemma perfekt ist. An dem Verhältnis der beiden hat mich bloß die rasante Entwicklung gestört. Bei Cassie kann ich das noch verstehen, da sie Evan ja ihr Leben verdankt, aber bei Evan ist mir noch nicht ganz klar, wann und warum genau er sich in sie verliebt hat. Ich hoffe, das klärt sich später noch auf.
Von Yanceys Schreibstil war ich wirklich absolut begeistert. Einige seiner Formulierungen haben mir wirklich Gänsehaut beschert, denn er vermag es besonders gut, kämpferische Gefühle in Worte zu fassen und damit den Leser mitzureißen. Ähnlich stelle ich mir die Wirkung bei einer politischen Ansprache vor, bei dem die Massen mobilisiert werden sollen. Ebenso gut sind seine Metaphern gewählt, zum Beispiel:

"Ich werde Sie lehren, den Tod zu lieben. ich werde Sie von Trauer, Schuldgefühlen und Selbstmitleid befreien und Sie mit Hass, 
Durchtriebenheit und Rachsucht füllen. Ich werde hier meinen letzen 
Widerstand leisten, Benjamin Thomas Parish. [...] Und Sie werden mein 
Schlachtfeld sein." (S. 154)

Ein weiterer Pluspunkt ist die Unvorhersehbarkeit der Geschichte. Ich habe definitiv noch keine Ah- nung, nicht mal eine grobe Vorstellung davon, worauf die Handlung hinauslaufen wird. Das kommt der Spannung natürlich unweigerlich zu Gute. 
Da ich weiß, dass ein weiterer Band folgt (er ist bereits auf dem Weg zu mir), bin ich mit dem Ende mehr als zufrieden. Er reißt an einem Punkt ab, an dem einige wesentliche Fragen geklärt sind und gleichzeitig neue aufgeworfen wurden, sodass ich mit Freude die Fortsetzung erwarte.


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