Donnerstag, 7. Mai 2015

REZENSION: "Das Lächeln der Frauen" (Nicolas Barreau)

Copyright Thiele Verlag

Titel: Das Lächeln der Frauen

Autor: Nicolas Barreau

Genre: Roman / Liebesroman

Verlag: Thiele Verlag

Erscheinungsjahr: 2011

Format: Gebundene Ausgabe (18,00 €)

Seiten: 336

ISBN: 978-3-85179-144-0

 

Inhalt:

Auf der Flucht vor einem etwas aufdringlichen Polizisten, verirrt Aurélie Bredin sich in einen Buchladen. Spontan kauft sie das Buch Das Lächeln der Frauen von einem gewissen Robert Miller. Eine schicksalhafte Entscheidung! Denn nicht nur kommt in der Geschichte ihr eigenes kleines Café Le Temps des Cerises vor, sondern die weibliche Hauptfigur hat auch frappierende Ähnlichkeit mit ihr selbst. Zufall? Neugierig geworden, sucht sie den Kontakt zum Autor des Werkes. Da dieser aber sehr zurückgezogen und kontaktscheu ist, muss sie den Umweg über seinen eher unfreundlichen Lektor André Chabanais nehmen. 

Rezension:

Das Lächeln der Frauen ist wie für mich geschaffen. Der Roman beinhaltet alles, was ich an Büchern liebe: literaturnahe Themen, wunderbare Formulierungen, Perspektivenwechsel und plastisch ausgestaltete Charaktere. Ich war quasi gefangen in einem magischen Sog. Nahezu spielerisch leitet Barreau (und seine Übersetzerin) von einem Satz zum nächsten über und zeigt damit ein Musterbeispiel schriftstellerischen Könnens. Er setzt die Worte genau richtig, nicht zu viele, nicht zu wenige, und macht immer wieder Andeutungen auf zukünftige Ereignisse, die den Leser bei der Stange halten. In einem romantisch-träumerischen Ton bringt er liebevolle Details über seine französische Heimat und seine Landsleute ein, die sogar mir als bekennende Franzosenskeptikerin das Herz für das Völkchen erwärmen konnten. In der Beziehung fühlte ich mich ein bisschen wie der Held des Binnenromans selbst. Dieser hat als Engländer erhebliche Schwierigkeiten die Eigentümlichkeiten der Franzosen zu verstehen und sich an diese zu gewöhnen, verliebt sich dann aber in eine Französin und lernt das Land von einer anderen Seite kennen. Das Einzige, woran ich mich etwas gestört habe, waren die französischen Zitate, die nur teilweise übersetzt wurden. Zum Verstehen hat mein Schulfranzösisch dann manchmal doch nicht ausgereicht.  
Ganz am Anfang hat mich Aurélie an Amélie aus Die fabelhafte Welt der Amélie erinnert Aber schon bald musste ich feststellen, dass die beiden abgesehen von ihrem Job in einem Café und dem Interesse für Gedanken und Geschichten anderer Menschen doch nicht so viel gemein haben. Während Amélie übermäßig schüchtern und zurückhaltend ist, ist Aurélie nun wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Sie ist sehr direkt und ziert sich nicht, ihre Gefühle und Gedanken preiszugeben. Das wiederum hat zu einem wunderbaren Schlagab- tausch zwischen André und ihr geführt. Die Dialoge und die Komik der eigentlichen Situation haben mich als Leserin wunderbar unterhalten. Während Aurélie hartnäckig versucht, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, tut André alles Mögliche, um diese zu verschleiern. Zugegebenermaßen waren seine verzweifelten Versuche ziemlich amüsant mitzuverfolgen und ich muss ihn wirklich für seine kreativen Einfälle loben. Verständlicherweise stand er deswegen unter Dauerstress und kam ein wenig gereizt daher, aber das hat er durch seinen Charme und süße Gesten nun wirklich mehr als wett gemacht. Er und Aurélie haben sich also perfekt ergänzt.
Durch das geschilderte schriftstellerische Verwirrspiel hab ich mich natürlich immer gefragt, ob das auch auf das Buch selbst zutrifft. Ist der abgebildete Autor wirklich Nicolas Barreau? Ist der Name vielleicht auch ein Pseudonym? Solche Fragen haben dem Ganzen noch eine zusätzliche für mich interessante Dimension hinzugefügt. Ich möchte jetzt nicht wirklich mit irgendwelchen Fachtermini um mich werfen, aber der Roman ist durch den Fokus auf Schreiben, Publizieren und Erzählen im Allgemeinen und die narrative Metalepse* so hochgradig literarisch metafiktional**, selbstreflexiv und -referentiell***, dass mein Herz beim Lesen förmlich aufgeblüht ist (ich hoffe, das klang jetzt nicht zu hochtrabend).   
Insgesamt ist das Buch ein von vorne bis hinten gut durchdachtes und leichtfüßiges schriftstellerisches Debüt. Durch die überschaubare Anzahl an Figuren und die Zentrierung auf ein wesentliches Thema ist Barraeu nicht Gefahr gelaufen, sich irgendwo zu verlieren und konnte seine Charaktere liebevoll ausgestalten. Aus meiner Perspektive auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung!  

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Für alle, die interessiert, was ich mit den Begriffen gemeint habe, hier einige grobe Definitionsversuche:
*Narrative Metalepse ist ein Wechsel zwischen mehreren Erzählebenen. In diesem Fall ist die Handlung um Aurélie und André die Erzählung auf der ersten Ebene und der darin beschriebene Roman Das Lächeln der Frauen von Robert Miller die Erzählung auf der zweiten Ebene. (Literaturwissenschaftliche Arbeiten dazu z.B. Gérard Génette)
**Metafiktion bedeutet soviel wie "Fiktion über Fiktion", d.h. fiktionale Texte thematisieren systematisch und bewusst, dass sie erfunden sind, z.B. indem sie den Prozess des Schreibens thematisieren. (Literaturwissenschaftliche Arbeiten dazu z.B. Patricia Waugh, Werner Wolf)
***Eine besondere Form der Metafiktion: Der Autor setzt sich mit dem eigenen Schaffen auseinander und verweist immer wieder (bspw. durch die Parallelen zwischen dem real existierenden und dem fiktionalen Roman) auf die Künstlichkeit des real existenten Romans. (Literaturwissenschaftliche Arbeiten dazu z.B. von Dorea Dauner, Werner Wolf)

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