Sonntag, 26. April 2015

REZENSION: "Liebe und andere Fremdwörter" (Erin McCahan)

Copyright Fischer FJB Verlag

Titel: Liebe und andere Fremdwörter

Autor: Erin McCahan

Genre: Roman / Jugendbuch / Liebesroman

Verlag: Fischer FJB Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hard Cover (16,99 €)

Seiten: 352

ISBN: 978-3-8414-2161-6


Inhalt:

Die 15-jährige Josie ist eigentlich hochbegabt, vor allem wenn es um das Erlernen von Sprachen geht. Wenn es um die Liebe geht, versteht sie allerdings kein Wort. Nur eins weiß sie: Liebe macht anscheinend blind. Warum sonst sollte ihre Schwester Kate mit dem unausstehlichen Geoff zusammen sein? Josie macht es sich zur Aufgabe, Kate zu zeigen, wie unpassend Geoff für sie ist. Und nebenbei muss sie ihr ganz persönliches Gefühlschaos entwirren.

Rezension:

Die Story ist sehr heiter und quirlig geschrieben, was mit dem Charakter der Protagonistin Josie korrespondiert. Anfangs hatte ich zugegebenermaßen meine Schwierigkeiten, ihr ein Alter zuzuordnen. Phasenweise machte sie einen sehr jungen Eindruck auf mich, dann wieder wirkte sie sehr reif und erwachsen. Besonders im Umgang mit ihrer Familie bzw. ihrer Schwester Kate und deren Streitereien kehrte sich ihre kindische Seite hervor und sie musste öfter gemaßregelt werden. Allerdings muss man dazu sagen, dass sich Kate selbst nicht erwachsener aufgeführt hat. Der Kleinkrieg, der sich zwischen den beiden entsponnen hat, erinnerte mich ein wenig an meine Schwester und mich zu Schulzeiten. Gerade Menschen, die einem nahe stehen, können (wenn auch unbeabsichtigt) besonders fies und verletzend zueinander sein, weil sie die Achillesverse des anderen kennen. Umso schöner ist aber dann die Versöhnung (wenn sie denn kommt). Für mich persönlich war die Schwesternliebe der beiden die eigentliche Liebesgeschichte, und ich denke, so war es auch von Erin McCahan gedacht. 
Natürlich spielen auch romantische Gefühle eine Rolle, sind aber den familiären Beziehungen untergeordnet. Das heißt aber keinesfalls, dass es in dieser Hinsicht keine Entwicklungen gibt. Josies Gefühlswelt wird gehörig auf den Kopf gestellt, sie lernt sich selbst zu erforschen und die Intensität ihrer Gefühle zu hinterfragen. Aufgrund ihrer eher rational analysierenden Veranlagung tendiert sie nicht vorschnell "Ich liebe dich zu sagen". Das ist eine nette Abwechslung, da ich das Gefühl habe, dass Menschen die drei Worte heutzutage allzu schnell gebrauchen. Sie hat ein klares Bild von ihrem Traumprinzen, die trotz ihres rationalen Denkens dann doch überraschend romantische Züge aufwiesen. Unrealistisch fand ich es nur, dass sie tatsächlich einen Menschen getroffen hat, der haargenau diese Eigenschaften in sich vereint. Das war meines Erachtens des Zufalls zu viel. Allerdings hat auch ein scheinbar perfekter Typ einige Tücken, wie sich im Verlaufe der Handlung gezeigt hat. 
Abgesehen von Josies eigenem Gefühlschaos stand auch das ihrer Schwester Kate und Geoff im Zentrum. Seit jeher hat es sich Josie zur Aufgabe gemacht, alle Freunde ihrer Schwestern genauer unter die Lupe zu nehmen. Beispielsweise hat sie einen umfangreichen Fragekatalog ausgearbeitet, der Fragen wie Ange- nommen du überlässt deinen Platz im Bus jeden Tag einer schwangeren Frau, aber irgendwann findest du heraus, dass sie nur vortäuscht, schwanger zu sein, damit ihr Freund sie heiratet. Würdest du ihr trotzdem weiter deinen Platz überlassen oder würdest du es ihrem Freund verraten? beinhaltet. Das Konzept fand ich wirklich super, weil die Antworten gute Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zulassen. Mich hätte durchaus interessiert, wie die anderen Fragen auf der Liste lauten. Erin McCahan hat angekündigt, diese zur englischsprachigen Taschenbuchausgabe beizufügen und vielleicht wird sie ja auch im Deutschen veröffentlicht. Geoff  hat es allerdings gar nicht bis zu einer dieser Fragen geschafft, denn Josie hat ihn vom ersten Moment an als unpassend für ihre Schwester befunden. 
Im Prinzip kann ich gut nachvollziehen, warum Josie eine Abneigung gegen ihn hegt. Er ist nicht gerade das, was man unter einem Menschenmagnet verstehen würde. Sein Umgang mit anderen wirkt leicht überheblich, weil er ständig anderen "Tipps" gibt und gar nicht merkt, wie deplatziert diese sind. Seine Kritik an dem Haus von Josies Eltern und der Spaghettisoße beim ersten gemeinsamen Familienessen sind einfach ein absolutes No-Go. Da fragt man sich dann schon, ob er nicht weiß, was Manieren sind. Außerdem hat mich, ebenso wie Josie, sein ständiges Zwinkern irritiert (Der Grund hierfür klärt sich erst am Ende auf.)
Der einzige Charakter, den ich durchweg gut leiden konnte, war Josies bester Freund Stu. Er ist ebenso hochbegabt wie Josie und teilt ihre merkwürdigen Gedankengänge. Daraus ergaben sich immer wieder abgedrehte und unge- wöhnliche Dialoge zwischen den beiden, die für mich zum Highlight des Buches wurden. Sie kamen entweder sehr spritzig und humorvoll oder sarkastisch daher. Und auch die verbalen Retourkutschen und Wortgefechte zwischen Josie und Geoff hatten einen großen Unterhaltungswert. Letztendlich ist genau Josies Schlagfertigkeit die Eigenschaft, die ich am meisten an ihr zu schätzen wusste. 

Im Groben und Ganzen bringt der Plot keine großartigen Neuerungen, konnte mich aber zwischenzeitlich doch überraschen, da ich einige Wendungen nicht hab kommen sehen. Das Ende war dann allerdings etwas vorhersehbar: sehr süß und vielleicht für den ein oder anderen etwas zu perfekt. Wirklich viel Neues habe ich nicht über die Liebe gelernt, aber einige Sachen wurden mir wieder deutlicher ins Gedächtnis gerufen. Vor allem, dass manche Menschen, gegen die man zunächst eine Abneigung hegt, einem ans Herz wachsen können, insofern man sie durch die Augen einer Person betrachtet, die man liebt. Beziehungen müssen keinen Sinn ergeben, besonders nicht von Außen betrachtet.
Letztendlich muss man sich beim Lesen immer vergegenwärtigen, dass es sich um ein Jugendbuch handelt, um sich vollständig darauf einlassen zu können. Als Erwachsener hat man manchmal wenig Verständnis für Josies Verhalten - oder zumindest ging es mir so. Ich hab öfter dazu tendiert, die Perspektive der Älteren einzunehmen, was sich leider negativ auf mein Leseerlebnis ausgewirkt hat. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für die eigentliche Zielgruppe sehr ansprechend ist, nicht zuletzt wegen der gut gelungenen Dialoge.


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