Donnerstag, 30. April 2015

REZENSION: "Die Straße der Geschichtenerzähler" (Kamila Shamsie)

Copyright Berlin Verlag

Titel: Die Straße der Geschichtenerzähler

Autor: Kamila Shamsie

Genre: Roman / Historischer Roman

Verlag: Berlin Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (19,99 €)

Seiten: 384

ISBN: 978-3827012289



Inhalt:

Im Jahr 1914 reist die junge Engländerin Viv gemeinsam mit Tahsin Bey, einem langjährigen Freund ihres Vaters, in die Türkei, um dort an Ausgrabungen teilzunehmen. Vor der Kulisse des wunderschönen Labraunda finden die beiden zueinander, doch als der Erste Weltkrieg losbricht, muss Viv unverzüglich in ihre Heimat zurückkehren, wo sie fortan als Krankenschwester verwundete Soldaten pflegt. Lange Zeit hört sie nichts von ihrem Geliebten Tahsin und reist 1915 schließlich nach Peschawar im heutigen Pakistan, da eine Spur dorthin zu führen scheint. Als sie im Zug auf den jungen Soldaten Qayyum trifft, ahnt sie nicht, dass ihre Schicksale eng miteinander verwoben sind. In Peschawar tritt außerdem der 12-jährige Najeeb in Vivs Leben, dem sie beschließt, Unterricht in Archäologie und Geschichte zu geben. Doch wird Viv finden, was sie in Peschawar sucht? Wird Tahsin Bey, der noch immer verschwunden ist, eines Tages zu ihr zurückkehren? Und kann der aufgeweckte Najeeb ihr vielleicht dabei helfen?



Rezension:

Dieses Buch war eine typische Cover- und Klappentext-Entscheidung, von der ich mir insgesamt wirklich etwas ganz anderes erhofft hatte. Das Cover wirkt so exotisch und verträumt und hat mich direkt an die wundervollen Romane von Khaled Hosseini erinnert und auch der Klappentext war vielversprechend, stellte er doch eine romantische Liebesgeschichte mit dramatischem Ausgang vor dem historischen Hintergrund des Ersten Weltkriegs und der folgenden Jahre in Aussicht. Aber dann kam alles anders...
Was mir als erstes auffiel und was mich leider von vornherein störte: Der Schreibstil der Autorin und ganz speziell die wörtliche Rede. Diese wird als solche lediglich mit einem Bindestrich gekennzeichnet, typische Einschübe wie "sagte er" entfallen fast gänzlich, sodass man sich die Dialoge überhaupt nicht vorstellen kann. Es wirkt unpersönlich, zusammenhangslos und isoliert. Da die Charaktere an sich sowieso sehr vage beschrieben werden und man über ihre Gefühlswelt nur sehr wenig erfährt, kommt es, wie es kommen muss: Man kann sich kein bisschen mit ihnen identifizieren, kann ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen. Das wird im Laufe des Romans leider auch nur während eines kurzen Abschnitts besser, der ausschließlich aus Briefen und Telegrammen besteht, in denen die Personen endlich mal selbst zu Wort kommen. Danach jedoch geht es weiter wie zuvor..
Nicht nur die etwas seelenlosen Charaktere erschweren das Lesen ungemein, sondern auch der Schreibstil an sich. Shamsie streut jede Menge historische Fakten in den Text ein und so entstehen Abschnitte, die stellenweise nicht wie ein Roman, sondern eher wie eine Abhandlung bzw. ein historisches Essay wirken. Wer gerne und viel während der Lektüre googlet, wird sich daran nicht stören, allerdings wurde mir der Aufwand, fremde Begriffe und historische Ereignisse aus der Geschichte Indiens/Pakistans allesamt nachzuschlagen, irgendwann zu viel und so habe ich resigniert und solche Stellen einfach überflogen. Dabei erfordert der Roman eigentlich volle Aufmerksamkeit, denn eine Liebesgeschichte - wie eigentlich angekündigt - ist er ganz und gar nicht. Zu Beginn deutet sich da zwar etwas an, was eine hätte werden können, aber irgendwie erstickt Shamsie das im Keim und schließlich steht man als Leser etwas ratlos da und fragt sich: Was lese ich hier eigentlich? Denn Shamsie will anscheinend vieles schreiben: eine Liebesgeschichte, einen anspruchsvollen historischen Roman, eine Schatzsuche nach einem verschollenen Artefakt, einen Schicksalsroman usw. Heraus kommt ein ziemlich unfertig wirkendes Stückwerk und die Frage: Was war denn hier die Intention?
Zum Ende hin wird der Roman auf den letzten 40 Seiten zum ersten Mal spannend und man kommt hier auch zum ersten Mal in die Situation, ansatzweise mit den Charakteren mitzufiebern. Aber auch hier wirkten einzelne Teile wieder sehr zusammengesetzt und richtig erreichen konnte mich die Geschichte auch am Ende dann leider nicht. Ich bin einfach nicht mit ihr warm geworden.

Insgesamt war mir Die Straße der Geschichtenerzähler zu wenig Roman und zu viel Stückwerk. Es liest sich extrem schwerfällig und holprig, obwohl die Grundthematik eigentlich interessant ist. Verschiedene Aspekte hätten einzeln vielleicht eine gute Geschichte abgegeben - Erster Weltkrieg und Indiens Kampf um Unabhängigkeit von den Briten, Archäologie, die Rolle der Frau im England zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Liebe, die gesellschaftlichen Umstände in Pakistan/Indien zu der Zeit.. -, doch es konnte der Autorin einfach nicht gelingen, sie auf ansprechende Weise miteinander zu verbinden. Ich kann und will den Roman auch nicht als anspruchsvoll bezeichnen - die Menge der eingestreuten Fakten ist es sicher, aber was dabei herauskommt ist nicht anspruchsvoll, sondern einfach ermüdend und nicht zufriedenstellend. Ich habe eigentlich kein Problem damit, ein Buch aufmerksam zu lesen und beschäftige mich meist gerne im Nachhinein noch mit den behandelten Dingen, aber Shamsies Buch konnte mich einfach nicht dazu animieren. Mich hat die Geschichte leider nur ganz sporadisch erreichen können. Pluspunkte waren für mich aber die immerhin etwas interessantere Person des Najeeb, das tolle Setting und der grundsätzlich dramatische, geschichtliche Hintergrund.


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