Donnerstag, 2. April 2015

REZENSION: "Die Königin der Orchard Street" (Susan Jane Gilman)

Copyright Suhrkamp Insel Verlag
Titel: Die Königin der Orchard Street

Autor: Susan Jane Gilman

Genre: Roman / Historischer Roman

Verlag: Suhrkamp Insel Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (19,95 €)

Seiten: 600

ISBN: 978-3458176251

Challenge-Gewinner: /


Inhalt:

Als kleines Kind kommt Malka zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit ihren Eltern und ihren drei Schwestern als russisch-jüdische Einwanderin in die USA, wo die Familie entgegen ihrer Erwartungen in der Lower East Side Tag für Tag ums Überleben kämpfen muss. Nach einem tragischen Unfall landet die kleine Malka für Monate in einem Krankenhaus und kommt danach zu einer italienischen Familie, die sich ihrer annimmt. Die nun gehbehinderte Malka lernt, was es heißt hart zu arbeiten und wie man köstliches, italienisches Eis herstellt. Schon bald ändert sie ihren Namen, konvertiert zum Christentum und unterstützt die Familie Dinello bei der Entwicklung immer neuer, köstlicher Eiscremsorten. Doch Malka will mehr: Gezeichnet von ihrer harten Vergangenheit, entschließt sie sich dazu, selbst ein Eiscremgeschäft aufzubauen, mit dem Ziel, die größte und beliebteste Eismarke der USA zu kreieren..



Rezension:

Auf dieses Buch, das ich bei Lovelybooks in einer Leserunde vom Suhrkamp Insel Verlag gewonnen habe, habe ich mich ganz besonders gefreut und das hatte vor allem einen Grund: Ich liebe historische Romane, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielen und von berührenden Schicksalen und beeindruckenden Entwicklungen handeln. All das findet man in Die Königin der Orchard Street, genau wie ich es mir erhofft hatte, doch zunächst erst einmal ein paar Worte zum Cover: Der Sepia-Ton gefällt mir sehr gut, denn er lässt das Bild von dem kleinen Mädchen, das am Straßenrand sitzt, und von den Pferdekutschen und ersten Automobilen nostalgisch wirken, was hervorragend zum Inhalt passt. 
Was mir als erstes beim Lesen aufgefallen ist: Gilmans Erzählstil ist ein ganz anderer, ein ehrlicher, ein spitzzüngiger und sicher ein gewöhnungsbedürftiger. Mich hat er aber von Anfang an begeistert. Malka, später nennt sie sich Lillian, erzählt ihre Lebensgeschichte retrospektiv und kommentiert und bewertet Geschehnisse mit eingeschobenen Kommentaren und Anekdoten. Soweit, so unspektakulär. Doch wie sie erzählt, ist einfach fesselnd, denn Lillian ist keine typische Romanheldin, vielmehr eine Antiheldin, die alle Aspekte ihres Lebens erzählt und auch die Dinge nicht auslässt, die sie falsch gemacht hat und vielleicht bereut. Das macht sie zu einer authentischen Person, die man zu bis einem gewissen Grad verstehen kann, die man stellenweise sogar bedauert. Besonders gelungen finde ich, wie Gilman Malkas bzw. Lillians Entwicklung nachzeichnet. Zu Beginn ist sie ein freches und allen Widrigkeiten zum Trotz selbstbewusstes Mädchen, das viel durchmachen musste und sich Stück für Stück nach oben kämpft. So ist sie eine sehr sympathische Protagonistin, der man auch kleine Fehler verzeiht. Im Verlauf des Romans entwickelt sie sich jedoch in eine Richtung, in der ich sie als Leser nicht mehr wirklich sympathisch und auch ihre Gleichgültigkeit manchmal erschreckend fand. Diese Art, zu erzählen, ist schonungslos und ehrlich und alles andere als weichgespült. Man muss nicht durchgehend Sympathien für den Protagonisten hegen, solange er einem nicht völlig fremd wird - und so war es in Die Königin der Orchard Street.
Lillians Geschichte ist dramatisch, spannend, voller Hochs und Tiefs und vor allem meisterhaft erzählt. Sich wiederholende Redewendungen, die Gilman ihre Ich-Erzählerin verwenden lässt, mögen einigen nervig erscheinen, ich jedoch fand sie genial. Gilman gelingt es, ein absolut authentisches Bild von Lillian zu zeichnen, es gelingt ihr, dass man sie sich bildlich vorstellen kann, dass man sie geradezu sprechen hört. Das hat mir an diesem Roman am besten gefallen.

Ein großartiger Roman voller Dramatik und Ehrlichkeit, der mich wirklich sehr fasziniert hat. Nur zum Ende wurde die Geschichte stellenweise ein wenig in die Länge gezogen und hat etwas von seiner Spannung eingebüßt. Dennoch fiel das Lesen mir nach wie vor leicht, was einfach an Gilmans großartigem Erzählstil liegt. Sie verwebt historische Ereignisse, bahnbrechende Erfindungen im Bereich der Eisherstellungen und ein persönliches, bewegendes Schicksal geschickt miteinander und deshalb möchte ich jedem, der sich für historische Romane zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ergreifende Schicksale interessiert, wärmstens empfehlen, sich von diesem farbenprächtigen Roman mitreißen zu lassen. Vielen vielen Dank an den Insel Verlag für das Leseexemplar, es war ein großes Lesevergnügen =)




Hinweis: Wer vorhat, dieses Buch zu lesen, sollte sich vorher mit einem Jahresvorrat an Eiscreme eindecken, denn in diesem Fall macht Lesen wirklich hungrig - und Appetit auf Eis, ganz viel Eis, Eis über Eis! =D

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