Sonntag, 1. März 2015

REZENSION: "Umweg nach Hause" (Jonathan Evison)

Copyright Kiepenheuer & Witsch
Titel: Umweg nach Hause

Autor: Jonathan Evison

Genre: Romane / Humor / Tragikomödie

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (19,95 €)

Seiten: 384

ISBN: 978-3462046595

Challenge-Gewinner: /



Inhalt:

Ben hat Schlimmes erlebt und schafft es einfach nicht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Verschuldet, arbeitslos und ohne Perspektive, macht er eine Fortbildung zum Pfleger und wird direkt an Elsa und ihren körperlich behinderten Sohn Trevor vermittelt, der an Muskelschwund leidet und im Rollstuhl sitzt. Die Stelle ist schlecht bezahlt, doch Ben findet schnell einen Zugang zu dem anfangs etwas mürrischen Jugendlichen, für den jeder Tag eine feste Routine hat. Ben fügt sich in diese Routine ein, versucht jedoch auch, Trevor aus der Reserve zu locken und ihm zu zeigen, dass das Leben auch andere Facetten hat. Doch das ist nicht so leicht, denn Bens eigenes Leben ist ein einziger Trümmerhaufen. Vor seiner Frau, die die Scheidung will, läuft er davon, neue Frauen kennenzulernen fällt ihm unheimlich schwer und außerdem stolpert er von einem Missverständnis ins Nächste. Als Trevor beschließt, seinen Vater, der ihn früh verlassen und sich seitdem vergebens um eine erneute Kontaktaufnahme bemüht hat, am anderen Ende des Landes zu besuchen, beginnt für ihn und Ben ein chaotischer Roadtrip, auf dem nichts so läuft wie es soll. Unterwegs sammeln Trevor und Ben einige Anhalter ein, deren Geschichten genauso interessant und skurril sind wie ihre einigen. Vielleicht findet Ben ja während der Reise auch zu sich selbst und vielleicht erkennt Trevor, dass das Leben wirklich schön sein kann...


Rezension:

Nachdem ich das Buch bei einer Leserunde auf LovelyBooks.de gewonnen hatte, bereitgestellt vom Verlag Kiepenheuer & Witsch, hielt ich es schon nach wenigen Tagen in den Händen. Das Cover ist sehr schlicht gehalten und sticht dank des kräftigen Blaus dennoch ins Auge. Auch gibt der abgebildete Wagen, der mich an einen VW-Bus erinnert, schon einen Hinweis auf einen Großteil der Handlung, nämlich den Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten.
Den Protagonisten, der skurriler Weise Benjamin Benjamin heißt, schließt man schon während des Lesens der ersten Seiten direkt ins Herz. Er ist ein Mensch, der vom Schicksal gebeutelt wurde und sich erst nach und nach dazu aufraffen kann, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Dass der erste Schritt dazu die Fortbildung im Bereich der Pflege und die Aufnahme des Jobs als Pfleger für den schwerstbehinderten Jugendlichen Trevor ist, macht Ben für mich umso sympathischer und man merkt unterschwellig, dass er doch gar nicht so hilflos und geschlagen ist, wie es eigentlich scheint. Dennoch hat er immer wieder Probleme, sich seiner Vergangenheit zu stellen, was ihn in meinen Augen zu einer sehr realistischen Person macht - jeder kann seinen Gemütszustand und auch sein hin und wieder aufblitzendes Selbstmitleid verstehen. Und trotzdem geht er auf eine Art und Weise damit um, die ihn zu einer zugleich tragischen und höchst komischen Person macht. Auch die Darstellung von Trevor ist dem Autor hervorragend gelungen: Auch ihm hat das Schicksal übel mitgespielt,er braucht eine tägliche Routine, aus dem sein ganzes Leben besteht. Die Beziehung, die sich zwischen Ben und Trev - diesen beiden höchst eigentümlichen und liebenswerten Charakteren - aufbaut, ist ein Wechselspiel, das beiden auf die ein oder andere Art gut tut.
Bis zum eigentlichen Roadtrip vergeht beinahe die Hälfte des Buches, was mich ein wenig überrascht hat. Dennoch kann ich sagen, dass es bis dahin und auch danach an keiner Stelle langweilig oder langatmig ist. Es liest sich sehr leicht und flüssig und ist dabei dennoch überraschend tiefsinnig und ergreifend. Die Komik in Umweg nach Hause ist unterschwellig und subtil und ist vor allem den Personen und ihrem Umgang mit unangenehmen Situationen geschuldet. Das ist ein Aspekt, der mir sehr gefällt: Die spitzzüngigen Kommentare, die skurrilen Momente und das ab und zu eigentümliche Verhalten der Charaktere (vor allem Bens) wirkt nicht übertrieben und verkrampft, sondern so aus dem Leben gegriffen, dass es einen zwar nicht laut lachen, aber oftmals schmunzeln lässt - das finde ich persönlich sehr angenehm und macht die Kunst des Romans für mich aus.
Die laufende Handlung wird immer wieder durch Rückblicke unterbrochen, die mich persönlich in manchen Büchern stören, hier aber keinesfalls. Sie kommen unangekündigt und bruchstückhaft - wie echte Erinnerungen. Sie sind nebulös und unvollständig. Das ist ein hervorragender Kniff von Evison, der den Roman unheimlich authentisch wirken lässt und keinesfalls den Spannungsbogen unterbricht - ganz im Gegenteil.
Einziger kleiner Kritikpunkt: Über die Personen, die sich während des Roadtrips Trev und Ben anschließen, hätte ich gern noch mehr erfahren. Da sie auch vorn im Profil abgebildet sind, hatte ich erwartet, dass sie jeder für sich eine etwas größere Rollen spielen.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass Umweg nach Hause mich wirklich überrascht hat. Hatte ich zunächst gedacht, es wird wieder eine völlig übertrieben rührselige Geschichte über einen kaputten Mann und seine Beziehung zu einem behinderten Menschen (der sein Leben verändert), so habe ich mich getäuscht. Jonathan Evisons Geschichte ist eine Geschichte darüber, wie zwei Menschen sich gegenseitig so gut tun, dass sie wieder auf den richtigen Weg kommen, ohne es recht zu merken und ohne es vielleicht sogar zu wollen. Dabei ist sie mit skurrilen Vorkommnissen, subtiler Komik und jeder Menge unvorhergesehener Situationen gespickt. Ein Buch, das leicht und tiefsinnig zugleich und damit rundum gelungen ist. Daher möchte ich mich noch einmal ganz herzlich beim Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Leseexemplar bedanken, es war eine Erfahrung, die sich auf jeden Fall gelohnt hat =)


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