Dienstag, 10. Februar 2015

REZENSION: "Ugly - Verlier nicht dein Gesicht" (Scott Westerfeld)

Copyright Carlsen
Titel: Ugly - Verlier nicht dein Gesicht

Autor: Scott Westerfeld

Genre: Dystopie / Jugendbuch

Verlag: Carlsen

Erscheinungsjahr: 2011 (Neuauflage)

Format: Taschenbuch (8,99 €)

Seiten: 432

ISBN: 978-3551310064

Challenge-Gewinner: Ja (Februar 2015)



Inhalt:

Als 15-jähriges Mädchen lebt Tally wie alle anderen Jugendlichen in ihrem Alter in Uglyville und fiebert ihrem 16. Geburtstag entgegen - denn dann kann sie sich endlich der Operation unterziehen und wird sich in eine hübsche Pretty verwandeln. Hübsch sein - das ist alles, was sich Tally wünscht, denn ihr mittelmäßiges Gesicht stört sie zunehmend und sie möchte endlich auch etwas Besonderes sein. Dann wird sie in New Pretty Town leben und gemeinsam mit anderen Prettys ein unbeschwertes Leben voller Spaß und Partys führen. Doch kurz, bevor es so weit ist, trifft Tally auf Shay, eine der wenigen Uglys in ihrem Alter, die noch nicht operiert wurden. So freunden sich die beiden an und unternehmen zusammen einige gefährliche Aktionen. Shay zeigt Tally die sogenannte Ruinenstadt - ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, in der die Menschheit sich beinahe ausrottete. Tally ist fasziniert, jedoch schockiert, als Shay ihr verkündet, sich nicht operieren lassen zu wollen und schließlich sogar wegläuft. Die Behörden werden darauf aufmerksam und beauftragen Tally damit, Shay hinterherzureisen, sie zu finden und zurückzubringen - andernfalls könne Tally selbst sich nicht operieren lassen. Immer hässlich zu bleiben ist für sie jedoch eine grauenhafte Vorstellung und so begibt sie sich auf die gefährliche Suche nach Shay. Als sie sie und andere Rebellen - zu ihrem anfänglichen Entsetzen alle Uglys - schließlich findet, muss sie jedoch feststellen, dass die Welt, in der sie lebt, nicht ganz so schillernd ist, wie es zunächst scheint. Tally erfährt, dass die Regierung die Menschen kontrolliert und sie nach ihrem Wunsch formt - und dass hinter der den scheinbar harmlosen Schönheits-OPs wesentlich mehr steckt...


Rezension:

Vor ein paar Jahren bin ich zufällig auf Westerfelds Buchserie Ugly-Pretty-Special gestoßen und war sofort fasziniert. Das Cover des ersten Teils Ugly - Verlier nicht dein Gesicht macht bereits deutlich, worum es in diesem Roman geht: Abgebildet ist ein Gesicht in Nahaufnahme, das asymmetrisch und mit Sommersprossen übersät, aber keinesfalls hässlich ist. Die angedeuteten Linien zeigen, wie dieses Gesicht verändert werden muss, um einem bestimmten Schönheitsideal angepasst zu werden - treffender hätte man das Cover meiner Meinung nach nicht wählen können.
Westerfeld konstruiert mit seiner Geschichte zwar eine Dystopie, die in einer möglichen Zukunft spielt, knüpft jedoch sehr geschickt an bereits jetzt vorherrschende Ideale an. Überspitzt stellt er dar, wie unsere Gesellschaft mehr und mehr dem Schönheitswahn verfällt und ästhetische Operationen allmählich zu etwas Alltäglichem werden. Dabei ist besonders das Empfinden der 15-jährigen Protagonistin Tally nachvollziehbar, denn sie befindet sich in einer Phase ihres Lebens, in der sie sich selbst als hässlich und unproportioniert sieht, was von den Pflicht-Operationen noch bestärkt wird. Die Regierung in Tallys Welt schürt bei den Bewohnern den unbändigen Wunsch danach, so hübsch oder vielleicht sogar hübscher auszusehen als alle anderen. Aus diesem Grund unterziehen sie sich freiwillig einer Reihe von Operationen, in denen ihre Knochenstruktur, ihre Haut und ihr gesamtes Aussehen verändert werden. So schaffen sie eine Gleichheit, aufgrund derer es keine Konflikte zwischen den Menschen gibt.
Zunächst habe ich Tally ehrlich gesagt nicht besonders gemocht, denn sie ist so besessen davon, hübsch zu werden, dass sie ganz vergisst, dass sie eigentlich einzigartig ist - ein hohes Gut, besonders in ihrer Welt. Doch dies ist ein gelungener Kniff Westerfelds, denn so ist es umso beeindruckender, dass Tally später das wahre Ausmaß der aufgezwungenen Operationen begreift und darum kämpft, ihr Gesicht zu behalten. Dies gelingt ihr, indem sie Menschen trifft, die noch immer als Uglys leben und erkennt, dass diese glücklich sind. Tally ist eine vielschichtige Person mit Ecken und Kanten, was sie schließlich doch zu einer sehr sympathischen Protagonistin macht, mit der sich der Leser leicht identifizieren kann. Ihre Freundin Shay hingegen ist anfangs noch rebellischer und entschlossener als sie, aber auch leicht reizbar und sehr eifersüchtig. Sie empfindet ihre eigentliche Freundin als Eindringling in ihre neue Welt, die sie als ihr eigenes Gut betrachtet - dieses Verhalten ist ebenfalls gut nachvollziehbar, schließlich handelt es sich um zwei Teenager, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden und mit ihren neuen Rollen als Rebellen nicht immer gut zurechtkommen. Daher gefällt es mir sehr gut, dass Westerfeld keine aalglatten Charaktere gezeichnet hat, die sich in Schwarz und Weiß einteilen lassen. 
Natürlich ist die Geschichte nicht nur philosophisch, sondern auch mit jeder Menge Action gespickt, die jedoch nie fehl am Platz wirkt, sondern immer sehr passend. Sehr eindrucksvoll finde ich auch die Darstellung der zunächst eher abstrakten Regierung, die einer typischen, aber nicht bewusst als solche empfundenen Diktatur entspricht. Sie spielt geschickt mit ihren Untertanen, um sie Glauben zu machen, sie hätten die volle Kontrolle über ihr Leben - die Operationen sind ihr Druckmittel, um die Oberhand über die Menschen zu behalten. In Westerfelds Roman erhalten die Menschen von ihrer Regierung das scheinbare Privileg eines schönen Aussehens und sorgenfreien Lebens - was ein ganz anderer Gedanke ist als in mittlerweile typischen Dystopien wie etwa Panem. Allerdings ahnt der Leser von Anfang an, dass die Behörden den Menschen dieses Leben nicht aus reinem Gutwillen ermöglichen - es muss mehr dahinter stecken und es ist sehr spannend, Tally dabei zu begleiten, wie sie das Geheimnis Schritt für Schritt enthüllt.

Insgesamt fand ich Ugly - Verlier nicht dein Gesicht sehr unterhaltsam, aber vor allem unglaublich beeindruckend. Implizit warnt uns Westerfeld davor, unser Leben Oberflächlichkeiten zu widmen, denn sie verschleiern den Blick auf die wirklichen Tatsachen. Tallys natürliches - für sie zunächst hässliches - Gesicht ist der Schlüssel - es muss gewahrt werden, damit auch Individualität gewahrt werden kann. Trotz dieses lehrreichen Aspektes ist Ugly nicht ein einziges Mal langweilig oder überzogen; es ist echt und glaubwürdig und - und das ist das Erschreckende - absolut plausibel und durchaus vorstellbar. Schockierend und mitreißend - ein wahrhaft guter Roman!




So geht es mit Tally und Shay weiter:


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